Das Wohnhaus (rechts) der Familie Spiegel in Werfen (Stadt Bünde). Die Wohnräume der Eheleute Spiegel befanden sich in einem Doppelkotten, in dem auf der einen Seite die Eheleute Spiegel mit ihrem Sohn Rolf und auf der anderen Seite die Eheleute Strauch wohnten. Die beiden anderen Häuser sind heute (2025) noch bewohnt. 
Foto: Anette Kerschling

Das Wohnhaus der Familie Spiegel wurde abgerissen und 1980 mit einem Reitstall überbaut.

Foto: Dr. Norbert Sahrhage

Vater: 

Max Goldschmidt *20.10.1872 in Werl

+1942 in Theresienstadt ermordet.

 

Mutter:

Henriette Frankenberg *15.06.1871 in Barmen-Langerfeld,  +17.08.1927 in Werl

 

Heirat der Eltern:

18.07.1902 in Barmen-Langerfeld

 

Bruder:

Sally Goldschmidt *07.05.1903 in Werl 
+28.11.1936 in Dortmund-Mitte (Verkehrsunfall), Beerdigung: Hauptfriedhof Dortmund. Kein Grabstein mehr vorhanden.

 

Heirat 1934 in Essen I

Ehepartner: Herta Sternberg *19.06.1905 . in Duisburg. Am 22.04.1942 deportiert in das Izbica-Ghetto, Polen

Franziska Spiegel, geb. Goldschmidt, ihre Eltern auf der Kutsche und ihr Bruder neben dem Pferd.     Archiv: Günter Ellenberg

Franziska Spiegel wurde am 06.05.1905 in Werl (im Sauerland) geboren. Am 04.11.1944 erschienen SS-Männer in dem Kotten in Werfen, in dem Franziska Spiegel Unterschlupf gefunden hatte und zwangen die Jüdin, in das nahe gelegene Hückerholz mitzukommen. Hier töteten sie die wehrlose Franziska Spiegel durch einen Schuss in den Hals. Auf ihren Rücken war der Zettel ”Sie war Jüdin” geheftet. Sie wurde ohne Gerichtsverfahren hingerichtet; ein im Kreis Herford einmaliger Fall.

Gottfried Spiegel bittet vergeblich bei dem Lehrer Büscher in Hunnebrock (Stadt Bünde), dem damaligen Ortsgruppenleiter der NSDAP, um Urlaub, da er an demselben Tage einen Gestellungsbefehl für den Volkssturm hatte. Obwohl seine Ehefrau gerade erschossen worden ist, wurde der Urlaub abgelehnt. Spiegel solle froh sein, seine Frau endlich los zu sein...

Unter diesen Bäumen wurde Franziska Spiegel verscharrt.

Foto: Günter Ellenberg

 

 

Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) verbot die Beisetzung auf einem Friedhof der umliegenden Gemeinden. Daher wurde die Leiche heimlich nachts von ihrem Ehemann Gottfried und einem jungen polnischen Kriegsgefangenen unter Bäumen an einem Grenzweg zwischen den Gemeinden Werfen und Ahle (in der Gemarkung “Paradies”) verscharrt. 

 

Im Oktober 1948 wurde Franziska Spiegel exhumiert. Sie fand ihre letzte Ruhe auf dem Nordfriedhof, Marienstraße 136, 32425 Minden. Auf dem Nordfriedhof befinden sich Kriegsgräber aus beiden Weltkriegen. 

 

Ein auf Betreiben Gottfried Spiegels gegen die Mörder seiner Frau angestrengtes Ermittlungsverfahren wurde im Jahre 1948 von der Staatsanwaltschaft des Bielefelder Landgerichts ohne Ergebnis eingestellt.

Dabei war sie mit ihrem “arischen” Ehemann Gottfried und dem gemeinsamen Sohn Rolf 1943 in die an Hücker-Aschen angrenzende ländliche Gemeinde Werfen gekommen in der Hoffnung, dem Holocaust zu entgehen, weil bereits zu diesem Zeitpunkt keine Jüdinnen und Juden mehr aus der Stadt Bünde deportiert wurden. Sie hatte schon ihren Vater und Bruder verloren und war häufiger Schikanen und Verhaftungen ausgesetzt.

Franziska Spiegel, geb. Goldschmidt, wurde am 6. Mai 1905 in Werl geboren. Im Jahre 1928 heiratete sie in Dortmund ihren Mann Gottfried Heinrich Spiegel. Der Sohn Rolf Gottfried wurde im Jahre 1930 in Husum geboren. Das Ehepaar lebte zunächst in Schleswig-Holstein, wo Gottfried Spiegel auf einem landwirtschaftlichen Gut arbeitete.

Nach der nationalsozialistischen “Machtergreifung” war die Familie Spiegel vielfältigen Schikanen ausgesetzt. Die Familie Spiegel war deshalb im Jahre 1943, als die Deportation der Juden aus Bünde bereits abgeschlossen war, in einen Kotten des Bauern Büscher nach Werfen (Stadt Bünde) gezogen, weil Gottfried Spiegel Verwandte in Bünde hatte. Die Familie Spiegel hoffte, in der Abgeschiedenheit der ländlichen Gemeinde Werfen die Zeit der Verfolgung überleben zu können.

 

Vielleicht wäre das Kalkül der Familie Spiegel aufgegangen, wenn nicht im Oktober 1944 größere Einheiten der “SS-Division Leibstandarte Adolf Hitler” zur Auffrischung in die Landkreise Lübbecke und Herford verlegt worden wären (Teile davon auch in den Bünder Raum).

 

Der “SS-Division Leibstandarte Adolf Hitler”, abgekürzt LSSAH, gehörten u.a. der bekannte Kabarettist Klaus Havenstein, der Journalist Theo M. Loch, der Sachbuchautor Wolfgang Venohr sowie der Politiker und Mitbegründer der Partei der Republikaner, Franz Schönhuber, an.

 

Der Aufenthalt der SS-Division hat Niederschlag in verschiedenen Büchern gefunden. Hinweise auf das “Wirken” der SS-Division im Raum Bünde-Kirchlengern finden sich bei:

 

Depke, H., Heimat Kirchlengern in Wort und Bild, Bad Oeynhausen 1977, Seite 173 f.

 

König, Hertha, Hinter den Kulissen eines Lebens. Lebenserinnerungen, Bielefeld 2004, S. 119-127.

 

Nach dem Mord an Franziska Spiegel sind keine wirklichen Ermittlungen aufgenommen worden. Es handelte sich ja “nur” um eine Jüdin. Vom 16. Januar 1945 datiert ein Schreiben der Gestapo Bielefeld an die Staatspolizeileitstelle in Münster. Es handelte sich um einen kurzen Bericht über die Auffindung der Leiche.

 

Dann folgen die Sätze:
“Es besteht der dringende Verdacht, dass die SS-Männer die Jüdin erschossen haben. Die hier durchgeführten Ermittlungen nach den Tätern sind ergebnislos verlaufen. Zur Zeit der Tat war die SS-Leibstandarte Adolf Hitler in der dortigen Gegend untergebracht.

 

Die Mörder vom Hückerholz sind am 19.11.1944 weiter in die Ardennen (Belgien, Luxemburg, Frankreich) gezogen, um an der letzten Wehrmachts-Offensive teilzunehmen. Einer der beiden Spiegel-Mörder soll dabei umgekommen sein. Die Führung der Waffen-SS war zwischenzeitlich auf Gut Böckel in Rödinghausen untergebracht.

 

Die weiteren Ermittlungen werden von der Ortspolizeibehörde in Ennigloh (Stadt Bünde) durchgeführt. Das Ermittlungsergebnis steht noch aus”.

 

Die vorstehenden Sätze bedeuten im Klartext:
Die Gestapo Bielefeld hatte ihre Ermittlungen abgeschlossen. Die Fortführungen wurden jetzt dem Ortspolizisten in Ennigloh überlassen. Welche Chance dieser hatte, die Täter zu ermitteln, dürfte wohl jedem klar sein.

 

Gottfried Spiegel berichtete später, dass amerikanische Soldaten unmittelbar nach Kriegsende nach den Mördern gesucht hätten - diese Suche verlief ohne Erfolg.

 

Erst im Jahre 1948 wurden von der Bielefelder Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufgenommen. Aus der damals entstandenen Akte lassen sich die Umstände des Mordes an Franziska Spiegel einigermaßen sicher rekonstruieren; auch wenn immer noch Fragen offenbleiben.

 

SS-Männer, die in Hunnebrock (Stadt Bünde) stationiert waren, wurden offenbar auf die in Werfen lebende Jüdin aufmerksam gemacht Es gab seinerzeit Gerüchte, der betreffende Denunziant sei der Hunnebrocker Ortsgruppenleiter Wilhelm Büscher gewesen. Ein Lehrer, der zuvor auch an der Volksschule in Lenzinghausen unterrichtet hatte.

 

Am Nachmittag des 4. November 1944 erschienen daraufhin drei SS-Männer in der Wohnung der Familie Spiegel.


Aus späteren Zeugenaussagen ergab sich, dass die SS-Männer zuvor vor der "Gastwirtschaft Fischer" Halt gemacht hatten. Während zwei der Männer bei ihren Fahrrädern auf der Straße stehen blieben, betrat einer das Gebäude. Frau Fischer, die den SS-Mann zuerst sah, wurde von diesem gefragt, wo das Haus Werfen Nr. 5 sei und ob dort nicht eine Familie Spiegel wohne.

 

Auf Fragen der Ehefrau Fischer, ob ihm die Familie auch bekannt sei, erhielt sie zur Antwort: “Da werden wir aber gleich mit bekannt”.

 

Frau Fischer gab bei den Ermittlungen im Jahre 1948 zu Protokoll:
“Der Aussprache nach müssen es Ostländer  gewesen sein” (Hinweis: Mit der Bezeichnung „Ostländer“ waren vermutlich Österreicher gemeint, denn Österreich wurde nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich im Jahre 1938 als „Ostmark“ bezeichnet).

 

Bei der Wohnung der Eheleute Spiegel handelte es sich um einen Doppelkotten, in dem auf der einen Seite die Eheleute Spiegel und auf der anderen Seite die Eheleute Strauch wohnten.

 

Im Augenblick, als die SS-Männer den Kotten betraten, standen beide Frauen, Frau Spiegel und Frau Strauch, auf der Deele. Ohne sich näher zu erkundigen, wurde die Ehefrau Spiegel gleich gefragt: “Sie sind doch die Ehefrau Spiegel, Sie müssen sofort mitkommen”. Etwas Schlimmes ahnend, mischte sich die Ehefrau Strauch ein. Kaltblütig wurde sie aber zurückgewiesen und mit der Ehefrau Spiegel verließ man daraufhin das Haus.

 

Zwei der Männer zwangen Franziska Spiegel, in das nahe Hückerholz mitzukommen, das auf der Grenze zwischen den beiden Gemeinden Werfen (Amt Ennigloh) und Hücker-Aschen (Amt Spenge) liegt. Der dritte SS-Mann fuhr in eine andere Richtung weg.

 

Herr Strauch arbeitete auf dem Feld, als Franziska Spiegel weggeführt wurde.

 

Frau Strauch berichtete dem Polizeibeamten im Jahre 1948:
“Wie mein Mann mir am gleichen Abend, als er von der Arbeit nach Hause gekommen war, erzählte, hätten die beiden SS-Männer mit einer Frau auf dem Weg Richtung Hücker Moor gestanden. Einer sei dann auf ihn zugekommen und hätte nach einem Spaten gefragt. Mein Mann hatte aber keinen Spaten bei sich. Dann hätte er gesehen, dass ein SS-Mann, und zwar derjenige, der hinter der Frau hergegangen war, immer die Frau in die Hacken getreten habe”.

 

Im Hückerholz wurde Franziska Spiegel von einem der beiden SS-Männer durch einen Schuß in den Hals ermordet.

 

Der Ehemann Gottfried Spiegel erklärte bei der Zeugenvernehmung am 26. September 1948:
“Ich kam gegen 16:50 Uhr von meiner Arbeit nach Hause...
Man erklärte mir dann, dass meine Ehefrau von drei SS-Männern aus dem Hause geholt worden sei. Während zwei die Wohnung betreten hätten, wäre einer draussen stehen geblieben. Zwei SS-Männer seien dann mit meiner Frau zum Hücker Moor gegangen. Die SS-Männer hätten sie unterwegs getreten und mit einem mitgeführten Fahrrad gestossen...

 

Nachdem ich meinen Sohn zu meinen Eltern nach Bünde gebracht hatte, wandte ich mich an den Lehrer Büscher in Hunnebrock, dem damaligen Ortsgruppenleiter der NSDAP, da ich an demselben Tage einen Gestellungsbefehl für den Volkssturm hatte. Bei Büscher wolle ich erwirken, beurlaubt zu werden. Büscher lehnte diesen Urlaub ab. Er meinte noch, ich solle froh sein, dass ich von meiner Ehefrau befreit sei. Ich müsste mir darüber klar sein, dass diese Eiterbeulen am deutschen Volkskörper doch ausgemerzt würden, so oder so”.

 

(Hinweis: Angehörige der 6. Batterie des Artillerie-Regiments Nr. 1, die in der Hunnebrocker Schule einquartiert waren, wurden offenbar von einem Parteifunktionär auf die im Nachbarort Werfen lebende Franziska Spiegel aufmerksam gemacht. Es gab seinerzeit Gerüchte, der betreffende Denunziant sei der Hunnebrocker Hauptlehrer und NSDAP-Ortsgruppenleiter Wilhelm Büscher  gewesen. Spuren der SS-Division finden sich in verschiedenen Schulchroniken. In der von Wilhelm Büscher seit 1937 geführten Chronik der Hunnebrocker Schule findet sich kein Hinweis auf die SS-Einheit, obgleich SS-Angehörige in der Schule untergebracht waren.

 

Wilhelm Büscher, geb. am 14.04.1894 in Aschen/Krs. Iburg, war am 01.05.1933 der NSDAP beigetreten (Mitglieds-Nr.: 2 467 631). Büscher, von Beruf Lehrer, war von 1943 bis 1945 Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Hunnebrock. Von Kriegsende 1945 bis September 1947 befand sich Büscher im Internierungslager Staumühle Nähe der Ortschaft Hövelhof).

 

Die dann erst wieder im Jahre 1948/ 49 aufgenommenen Ermittlungen scheinen nicht sehr intensiv gewesen zu sein.

 

Der mit den Ermittlungen beauftragte Polizeibeamte gab sich (so ist mein Eindruck nach dem Studium der Ermittlungsakte) sehr rasch mit den Aussagen der befragten SS-Männer und des Ortsgruppenleiters zufrieden. Er erklärte die Aussagen der Befragten für glaubwürdig.

 

Gottfried Spiegel gab im Jahre 1948 dem ermittelnden Polizeibeamten noch folgende Information:
“Von dem Tode meiner Ehefrau an bis heute habe ich mich bemüht, Licht in diese Angelegenheit zu bekommen. Es ist aber sehr schwierig, da alles schweigt.

 

Ich glaube aber, dass folgendes sehr wesentlich ist:
Ein Fräulein Lisa Oberhaus, wohnhaft in Hunnebrock, in dem Hause des Schlossermeisters Klockenbring, hat mir im Oktober 1947 persönlich erzählt, sie habe mit einem SS-Mann, der damals hier stationierten Einheit “Leibstandarte Adolf Hitler, 4. Bataillon” verkehrt. Dieser Mann selbst habe die Ermordung ausführen sollen, habe es aber abgelehnt, weil er Katholik wäre und er keinen Krieg gegen Frauen führen würde. Aufgrund seiner Befehlsverweigerung sei er gerügt worden.

 

Dann habe man aber zwei jüngere Kameraden zur Ausführung des Mordes bestimmt.

 

Die Anschrift des SS-Angehörigen, der seinerzeit mit der Oberhaus verkehrt hat und dieser vorstehendes erzählt haben soll, ist angeblich Johann Knupfer, Münzdorf, Kreis Münzingen, bei Stuttgart. Knupfer soll SS-Unterscharführer gewesen sein."

 

Daraufhin wurde ein Polizeibeamter aus dem Kreis Münzingen damit beauftragt, Johann Knupfer zu vernehmen. Knupfer konnte sich an das Gespräch mit Lisa Oberhaus über den Mord an Franziska Spiegel nicht erinnern.

 

Zitat: “Es ist nicht wahr, dass ich mich der Oberhaus gegenüber geäußert habe, ich sei mit der Erschießung der Spiegel beauftragt worden. Hier muß ein Mißverständnis vorliegen".

 

Der in Münzingen ermittelnde Polizeibeamte vermerkte nach der Vernehmung:
“Ich habe von Knupfer während seiner Vernehmung nicht das Empfinden bekommen, daß er evtl. die Wahrheit nicht sagen will.

Bei ihm handelt es sich um einen charaktervollen ehrlichen und wahrheitsliebenden Menschen, der bestimmt nicht zurückhalten würde, wenn er zur Aufklärung des Mordes etwas beitragen könnte”.

 

Und auch der Hunnebrocker Ortsgruppenleiter Wilhelm Büscher wies alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zurück.

 

Er bestritt, sich Gottfried Spiegel gegenüber abfällig über dessen Frau und über Juden allgemein geäußert zu haben. Er habe Franziska Spiegel nicht gekannt und habe auch nicht gewusst, dass sie eine Jüdin gewesen sei.

 

Der mit der Vernehmung Büschers beauftragte Bünder Polizeibeamte stellte daraufhin am 23. Mai 1948 fest:
Büscher widerlegt in seiner verantwortlichen Vernehmung die Verdachtsmomente gegen ihn “glaubwürdig."

 

Das wegen Mordes an Franziska Spiegel angestrengte Ermittlungsverfahren wurde schließlich im Jahre 1949 von dem am Bielefelder Landgericht tätigen Staatsanwalt Werwarth ohne Ergebnis eingestellt. Die Bielefelder Staatsanwaltschaft hatte mit der oberflächlichen Tätersuche ihre Pflicht erfüllt - ohne irgendjemandem zu nahe zu kommen.

 

Im letzten Aktenstück, das vom 2. Juni 1949 datiert, heißt es:
“Einstellung. Täter nicht ermittelt. ...besteht keine Möglichkeit mehr, die SS-Männer, welche Frau Spiegel “abgeholt” haben, zu ermitteln”.

Rolf Gottfried Spiegel ist der amerikanischen Armee beigetreten, kurz nachdem seine Mutter Franziska ermordet worden ist.
Er wollte gegen die Nazis, gegen die Mörder seiner Mutter kämpfen.
 

(Ein weiteres Foto, das Rolf Gottfried in der Armee zeigt, gibt es nach Auskunft der Angehörigen nicht).


Archiv: Günter Ellenberg

Herrn Dr. Norbert Sahrhage (der sich u.a. als Historiker seit dem Jahre 1988 immer mal wieder mit dem Schicksal von Franziska Spiegel beschäftigt) danke ich für seine diversen Hinweise und die Überlassung seiner Informationen, die das Hintergrundwissen um Franziska Spiegel und die damit zusammenhängenden zeitlichen Ereignisse enorm erweitert haben.

1991 hat der Spenger Rat beschlossen, in Gedenken an die in Hücker Aschen ermordete Jüdin Franziska Spiegel sowohl den Weg zum Tatort nach ihr zu benennen, als auch einen Gedenkstein mit Bronzeplatte an der Stelle im Waldstück aufzustellen, an der sie ermordet wurde. Der Gedenkstein wurde an ihrem 46. Todestag im Rahmen einer kleinen Feier und im Beisein ihres Mannes enthüllt.

Jedes Jahr - am Volkstrauertag - organisieren die örtlichen Vereine von Hücker-Aschen eine Gedenkfeier für Franziska Spiegel. Die Vereine laden zum Gottesdienst ein, im  Anschluß daran erfolgt ein stilles Andenken am Franziska Spiegel Stein im Hückerholz. Jedes Jahr legt die Stadtverwaltung Spenge am Todestag von Franziska Spiegel (04. November) einen Kranz  am Gedenkstein nieder.

Bericht des Spenger Amtsbürgermeisters Frentrup vom 05. November 1944 an die Gestapo in Bielefeld zu dem 

“Vorfall” vom 04. November 1944

 

"Am Sonnabend, dem 04. November 1944, gegen 18 Uhr, wurde ich vom Landrat des Kreises Herford, der zufällig dienstlich in Hücker-Aschen weilte, fernmündlich benachrichtigt, dass von 2 jungen Leuten im Hückerholz eine Frauensperson tot aufgefunden sei. Die jungen Leute hätten festgestellt, dass der Körper noch warm sei.

Ich begab mich sofort mit dem Krankenwagen, einem Arzt und zwei Polizeibeamten an Ort und Stelle. Dort lag auf dem Waldwege eine Frauensperson vollständig angekleidet auf dem Gesicht. Bei der inzwischen eingetretenen Dunkelheit konnte eine genaue Untersuchung des Tatortes nicht vorgenommen werden, ich stellte aber fest, dass der Tod bereits eingetreten war und auf dem Rücken der beiliegende Zettel mit der Aufschrift: "Sie war eine Jüdin", angebracht war.

Die Leiche liess ich daraufhin durch herbeigeholte Ostarbeiter des Bauern D. aus Hücker fortschaffen. Ich habe sie in den Totenkeller des St. Martinstiftes überführt.

Amtsbürgermeister Frentrup

Bei weiterer Untersuchung des Tatortes fand ich dort noch eine Handtasche. In dieser Handtasche befanden sich die Kennkarte der Toten, ihr Familienbuch, 73,- (RM) Bargeld und sonstige Kleinigkeiten.

 

Der Arzt Dr. med. N(.) aus Spenge stellte fest, dass der Tod durch einen Schuss unterhalb des Kinnes eingetreten war. Die sofort aufgenommenen Ermittlungen nach den Tätern ergaben, dass zwei Soldaten, kurz bevor die Leiche von dem Messer- und Sägenschleifer Friedrich M., Hüffen Nr. 94, aufgefunden wurde, das Hückerholz in Richtung Werfen verlassen hatten.

 

Pflichtgemäss teilte ich diesen Tatbestand der Ortspolizeibehörde Ennigloh mit und bat um Mitfahndung. Durch den Meister d. Sch. H(.) von der Ortspolizeibehörde des Amtes Ennigloh wurde mir dann fernmündlich mitgeteilt, dass am selben Nachmittag in der Wohnung der Jüdin Franziska Sara Spiegel, geb. Goldschmidt, in Werfen Nr. 5, drei* SS-Männer erschienen seien und die Jüdin aufgefordert hätten, sich fertig zu machen und mitzugehen.

 

Es ist anzunehmen, dass die Jüdin von diesen im Hückerholz erschossen ist. Ehemann der Jüdin ist der Kriegsbeschädigte Gottfried Heinrich Spiegel, wohnhaft in Werfen Nr. 5, im Kotten des Bauern Büscher. Nach dem vorgelegten Familienbuch ist der Ehemann Arier und ist am 24. Juli 1906 in Siegen geboren. Die Ehe mit der Jüdin hat er am 08. November 1928 in Dortmund geschlossen. Aus der Ehe ist ein Kind hervorgegangen. Der Sohn ist jetzt etwa 14 Jahre alt.

 

Der Ehemann wurde heute hier vorstellig und erklärte, dass seine Ehefrau und sein Sohn vor etwa 6 Wochen bereits von der Polizei festgenommen und nach Bielefeld überführt worden seien. Nach 3 Tagen seien beide aber wieder von der Staatspolizeistelle in Bielefeld entlassen. 

 

Dies wird auf Grund des mit Verfügung des Landrats vom 19. September 1944 - L - mitgeteilten Funkspruches der Staatspolizeistelle - Aussenstelle Bielefeld - erfolgt sein. Abschrift dieses Berichts habe ich der Ortspolizeibehörde des Amtes Ennigloh übersandt.

 

gez. “Frentrup"

Quelle: “Bünde im Nationalsozialismus”.  Ein Quellenverzeichnis präsentiert vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde.

Jan Jakubczak     geboren am 26.09.1924 / verstorben am 01.12.2008 in Gostyń / Polen

Jan Jakubczak als junger Mann. 

Ein solches Foto hat er an Herrn 

Dr. Norbert Sahrhage geschickt, 

als beide brieflichen Kontakt hatten.
© Jan Jakubczak

Jan Jakubczak im Alter von 79 Jahren.
Der ehemalige Zwangsarbeiter berichtete als Zeitzeuge von Franziska Spiegel über seine Erlebnisse in der Gemeinde Werfen während der Zeit des  “Dritten Reiches”

Titelbild: Jan Jakubczak in der Zeitschrift "gazeta gostynska" vom August 2004. In der Zeitschrift “gazeta gostynska” seiner polnischen Heimatstadt Gostyń wurden die Erlebnisse von Herrn Johann Jakubczak im Jahre 2004 veröffentlicht.

© gazeta gostynska

Jan Jakubczak und seine Ehefrau Wiktoria (geb. Gasior) mit ihren beiden Kindern Jan und Andrzej

© gazeta gostynska

Das Grab von Jan und Wiktoria Jakubczak auf dem Pfarrfriedhof in ihrer Heimatstadt Gostyń, Polen

 

Auf der rechten Seite das Grab von Andrzej Jakubczak, ihrem jüngeren Sohn

 

Foto: Agnieszka Soltysiak, Gostyn

Links:   28.08.1990 - Ehepaar Hemminghaus zu Gast bei dem Ehepaar Spiegel in Siegen.

Mitte:   03.11.1990 - Ehepaar Spiegel zu Gast bei dem Ehepaar Hemminghaus in Spenge.

Rechts:  03.11.1990 - Das Ehepaar Spiegel mit Günter Hemminghaus, Dieter Meyer und Jürgen Strachau im Rathaus Spenge.

 

Alle Fotos: Archiv Günter Ellenberg

04.11.1990:
Ein kleiner Blumenstrauß im Hückerholz - Erinnerung, Ausdruck von Trauer und Schmerz und Mahnung zugleich in einer Zeit, in der rassistisches Gedankengut keineswegs ausgerottet ist. Gottfried Spiegel nach 46 Jahren an der Stelle, an der seine damalige Frau Franziska Spiegel erschossen worden ist. 

Foto: Archiv Günter Ellenberg

04.11.1990: Gottfried Spiegel mit seiner 2. Ehefrau Margarete Spiegel, geborene Stock, *06.06.1920 in Siegen +2000 in Siegen (Heirat 26.09.1950) und dem damaligen Stadtdirektor von Spenge, Günter Hemminghaus.

Foto: Archiv Günter Ellenberg

Feierstunde am 04. Nov. 1991
 

Programm:

 

 


15:00 Uhr                                                                    Musikalische Einleitung
Aula der Grundschule Spenge                                   W.A. Mozart, Sonate a- Moll, KV 310
                                                                                    2. Satz
                                                                                    Andante cantabile con espressione
                                                                                    Martin Hansen, Klavier

 

                                                                                    Begrüßung
                                                                                    Karl-Heinz Wiegelmann, Bürgermeister

 

                                                                                    Erinnerungen, Eindrücke, Empfindungen
                                                                                    Günter Hemminghaus, Stadtdirektor
 

                                                                                    Anonymus, Cancion,     
                                                                                    Elmar Schubert, Gitarre

 

                                                                                    Vortrag
                                                                                    Dr. Norbert Sahrhage, Historiker

 

                                                                                    Ansprache / Gedenkwort
                                                                                    Dov-Levy Barsilay, Landesrabbiner NRW

 

                                                                                    Baden Powell, Thema triste,
                                                                                    Elmar Schubert, Gitarre

 

 

16.30 Uhr                                                                   Psalm 5 (Vertonung von Claude Goudimel)
Am Gedenkstein im Hücker-Holz                               Bläserkreis der Jugendmusikschule

 

                                                                                    Gebet
                                                                                    Dov-Levy Barsilay, Landesrabbiner NRW

 

                                                                                    Gedenkminute und Kranzniederlegung

 

                                                                                    Psalmlesung

 

                                                                                    Johannes H.-E. Koch, Jiddische Weisen,
                                                                                    Bläserkreis der Jugendmusikschule

 

Begrüßung und Ansprache von Bürgermeister Karl-Heinz Wiegelmann
anläßlich der Feierstunde am 04.11.1991

 

Zu der heutigen Gedenkstunde darf ich Sie, meine sehr verehrten Damen, meine Herren, als Bürgermeister recht herzlich im Namen der Stadt Spenge begrüßen.

 

Mein besonderer Gruß gilt dabei Herrn Spiegel, seiner Gattin sowie dem Landesrabbiner von Westfalen, Herrn Basilay. Auch Herrn Norbert Sahrhage, dem in Spenge geborenen Historiker, der in einem Vortrag die politischen Hintergründe des nationalsozialistischen Regimes beleuchten wird, darf ich recht herzlich willkommen heißen.

 

Einen besonderen Dank möchte ich bei dieser Gelegenheit dem Bläserkreis und den Solisten der Jugendmusikschule Enger/Spenge für die musikalische Umrahmung dieser Gedenkstunde sagen. Danken möchte ich aber auch der Familie Bruning aus Hücker-Aschen, die das Grundstück für den Gedenkstein zur Verfügung gestellt haben.

 

"Franziska Spiegel , geb. Goldschmidt, geb. am 06.05.1905 in Werl, wurde hier am 4. November 1944 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Auf der Flucht vor dem Terror eines unmenschlichen Systems hoffte sie, in der Gemeinde Werfen sichere Zuflucht zu finden. Angehörige der SS verfolgten und ermordeten sie, weil sie Jüdin war. Ein menschenwürdiges Begräbnis wurde ihr verweigert. Ihr Tod blieb ungesühnt."

 

Dies, meine Damen und Herren, ist der Text auf dem Gedenkstein, der heute der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Hierauf haben sich nach eingehenden Beratungen im Kulturausschuss alle Fraktionen dieses Rates und die Verwaltung im Einvernehmen mit Herrn Spiegel geeinigt. Er gibt kurz und präzise die Umstände des Mordes an einer unschuldigen Frau und den Umgang mit der Toten wieder. Diese knappen Worte zeugen schnörkellos von dem menschenverachtenden nationalsozialistischen Regime und der Ohnmacht vieler Menschen, die in ihm lebten.

 

Sie machen überdies deutlich, wie weit die Gesellschaft der damaligen Zeit in den Bann dieser unmenschlichen Herrschaft geraten war: Selbst der Toten verwehrte man ein menschenwürdiges Begräbnis; man verscharrte sie am Waldesrand.

 

Wer, so frage ich mich sicherlich mit vielen von Ihnen nicht nur in dieser Stunde, hat sich damals alles schuldig gemacht? Nun wird der jüngeren Generation, ich selbst war zum Zeitpunkt des fürchterlichen Mordes an Franziska Spiegel 11 Jahre alt, vielleicht zu Recht vorgeworfen, die damalige Zeit aus der Rückschau nicht realistisch genug einordnen zu können und deshalb voreilig zu urteilen.


Dies mag zutreffen.

Dennoch oder gerade deshalb ist es besonders für uns Deutsche wichtig, immer wieder an die Schrecken und Grausamkeiten des Hitlerstaates erinnert zu werden. Dies hat nichts mit einer kollektiven Schuldzuweisung zu tun. Viele Dokumente, Berichte, Filme und Bilder aus der damaligen Zeit führen uns immer wieder schrecklich vor Augen, wie viele Millionen Menschen - in der Hauptsache Juden, darunter auch etliche aus Spenge, der Gewaltherrschaft Hitlers zum Opfer fielen. Insofern steht das Schicksal von Franziska Spiegel für viele andere, besonders auch für die durch die Nazis zu Tode gequälten Spengeraner.

 

Wenn es Millionen Opfer sind, zählt, so scheint es oft, das Einzelschicksal nicht mehr. Es wird schnell vergessen, welche Qualen, Ängste, aber auch Hoffnungen jedes einzelne Opfer und diejenigen, die sie liebten, erleben mussten. So erging es auch Familie Spiegel.

 

Nachdem Franziska Spiegel bereits etwa 6 Wochen vor ihrer Ermordung mit ihrem damals 14jährigen Sohn von der Polizei festgenommen worden war, aber nach 3 Tagen wieder entlassen wurde, kam sicher Hoffnung in der Familie auf, den Krieg unbeschadet zu überleben. Was aber ging in Franziska Spiegel vor, als sie heute vor genau 47 Jahren von SS-Männern aus ihrem Haus entführt und durch das Hücker-Holz geführt wurde? Welche Ängste musste die damals 39jährige Frau durchlitten haben? Ahnte sie bereits, was die SS-Schergen, mit ihr vorhatten?

 

Ich kann meine innere Erregung schlecht verbergen, wenn ich mir diese  letzten Schritte von Franziska Spiegel vorstelle . Dabei stellt sich für mich noch die Frage: Was waren die Täter für Wesen, sie als Menschen zu bezeichnen, fällt schwer; welche Dämonen beherrschten sie? Wie kann ein Mensch eine unschuldige Frau umbringen bzw. dabei zuschauen und - wie zum Hohn - auf den Rücken der Toten einen Zettel mit dem Vermerk "Sie war eine Jüdin" anbringen?

 

Sollte dies eine Rechtfertigung für den heimtückischen Mord sein? Für einen zivilisierten Menschen kaum vorstellbar! Fragen über Fragen, deren Beantwortung meine Vorstellungskraft und die vieler Menschen übersteigt.

 

Diese und ähnliche Fragen werden Sie sich, verehrter Herr Spiegel, aber auch Ihr Sohn sicher oft gestellt haben. Ihr Leid und das Ihrer Familie können wir zwar ahnen, aber in Wirklichkeit nicht nachvollziehen.


Dass Sie sich dennoch bereit gefunden haben, sich jetzt nochmals mit der Vergangenheit, d.h. mit den fürchterlichen Ereignissen vor 47 Jahren auseinanderzusetzen, ehrt Sie ganz besonders.

 

Wir nehmen den schrecklichen Tod Ihrer ermordeten Frau und diese Ihre Geste als Vermächtnis, nicht nur durch den Gedenkstein und durch die Strassenbenennung "Franziska-Spiegel-Weg", an das furchtbare Ereignis zu erinnern, sondern wir wollen und müssen durch Worte und Taten gemeinsam daran mitwirken, dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholt. Dieses Vermächtnis hat gerade in diesen Tagen seine besondere Bedeutung, wo wir Tag für Tag in Deutschland einen zunehmenden Ausländerhass feststellen müssen.

 

Es ist erschreckend, dass gerade in unserem Land wieder der Rassismus an Boden zu gewinnen scheint . Kaum zu glauben, aber um so erschreckender, da es nicht die Meinung eines einzelnen ist, war für mich die Aussage eines jungen Mannes im Fernsehen am 26. Mai d.J., der da wörtlich sagte: "Ausländer sind keine Menschen, sie sind Viecher".

 

Meine sehr verehrten Damen, meine Herren,

in der nationalsozialistischen Zeit waren es die Juden, heute sind es die Ausländer, die von manchen Deutschen mit Hass überzogen werden. Haben wir denn nichts aus der Schreckensherrschaft des 3. Reiches gelernt?

 

Darum mein Appell: Wehret den Anfängen, damit andere Menschen nicht auch das Schicksal von Franziska Spiegel erleiden. Dieses ist die eindringliche Botschaft, die heute anlässlich dieser Gedenkstunde von Spenge ausgeht.

 

© Stadt Spenge

Ansprache von Stadtdirektor Günter Hemminghaus

anlässlich der Feierstunde am 04. Nov. 1991

 

Sehr geehrte, liebe Frau Spiegel!
Sehr geehrter, lieber Herr Spiegel!
Sehr geehrter Herr Landesrabbiner Barsilay!
Liebe junge Menschen hier in der Aula!
Meine Damen und Herren!

 

Ich bin in der Landgemeinde Holsen aufgewachsen - 5 km vom Hücker-Holz entfernt von dem Ort, an dem Franziska Spiegel am 04.11.1944 meuchlings ermordet wurde - heute genau vor 47 Jahren.

 

Ich war damals 14 Jahre alt. Ich erinnere mich, dass der Nationalsozialismus in Holsen auf Zustimmung und Begeisterung, aber auch auf Distanz und mehr oder weniger starken Widerstand stieß. Die Ergebnisse der ersten Kommunalwahl unter dem Nationalsozialismus am 12. März 1933 bestätigen das. Etwa 50% der Wähler waren für, 50% gegen die Nazis. In dem benachbarten Zentralort Bünde erreichten die Nazis mehr als 70%.

 

Ich bin in einer zwiespältigen Welt aufgewachsen. Meine Eltern hielten nichts vom Nationalsozialismus. Sie sagten das auch in meiner Gegenwart und in der meines jüngeren Bruders. In der Schule dagegen versuchte man, uns nationalsozialistisch zu erziehen; auch im Jungvolk, dem ich als 10-jähriger 1940 beitreten musste. Gleichzeitig besuchte ich den Katechumenen- und Konfirmandenunterricht bei Pastor Dreyer, der als naziunfreundlich galt. Meine spätere Entwicklung hat gezeigt, dass die Einflüsse des Elternhauses und der Kirche bei mir stärker waren als die der anderen Kräfte.

 

Ich erinnere mich an den Kriegsausbruch im September 1939, an die vielen Fanfarenstöße der ersten Jahre, mit denen Sondermeldungen eingestimmt wurden, aber auch an die späteren "planmäßigen Rückzüge", die das Ende des Krieges einläuteten.

Ich erinnere mich daran, dass die Zahl der Todesanzeigen von Gefallenen zunahm und in der Schule immer mehr Mitschüler den Tod von Vätern und Brüdern beweinten.

 

Ich erinnere mich, dass die alliierten Bomberverbände den Himmel über unserer Heimat verdunkelten und wir Kinder Schafgarbe und Lindenblüten sammeln und Ernteeinsätze leisten mußten, um den Krieg zu gewinnen; einen Krieg, der damals schon verloren war, wie eigentlich jedes Kind wußte. Sagen durfte man das nicht. Wer das trotzdem tat, lief Gefahr, wegen Wehrkraft-Zersetzung zum Tode verurteilt zu werden. So einfach war das damals.

 

Ich erinnere mich, je mehr ich nachdenke.

Ich erinnere mich auch an die Reichspogromnacht, an den 2. Tag danach. Ich bin damals als 8jähriger mit einem klapprigen Fahrrad von Holsen nach Bünde gefahren, um mir das demolierte jüdische Gebäude Spanier am heutigen Goetheplatz mit seinen gähnenden Fensterhöhlen und den verstreut auf dem Hofe herumliegenden Textilien anzusehen - mit großen, unverständlichen Augen. Die Empörung in Bünde und Umgebung war groß, wie in dem Buch von Norbert Sahrhage "Bünde zwischen Machtergreifung und Entnazifizierung“ zu lesen ist. Es gab aber auch Zustimmung – zuviel.

 

Ich erinnere mich vor allem aber an den 5. November 1944, einen Sonntag. An dem Tage ging in Holsen das Gerücht, dass die SS im Hücker-Holz eine Jüdin erhängt habe. Einfach so, nur, weil sie Jüdin war. Ich erinnere mich, dass ich traurig und geschockt war, dass ich Mitleid hatte mit den Angehörigen. Vor meinem inneren Auge sah ich damals einen großen Baum mit einer weiblichen Leiche. Dieses Bild hat sich förmlich in mein Gedächtnis eingegraben. Das war 1944.

 

Mehr als 40 Jahre später studierte ich an langen Abenden im Winter 1985/86 alte Akten, um Material zu finden für den Artikel "175 Jahre Spenger Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Zeitraffer, der im April 1986 anläßlich des 175jährigen Bestehens der Neuen Westfälischen Zeitung veröffentlicht wurde.

 

Meine Damen und Herren!

Geschichte macht neugierig. Ich habe weiter - unter anderem auch in den gemeindlichen Gendarmerieakten aus dem 2. Weltkrieg - geblättert. Dabei stieß ich auf eine Anzeige von Angehörigen einer jungen Frau aus Lenzinghausen, die ein Verhältnis mit einem polnischen Zwangsarbeiter hatte. Der Pole wurde kurzerhand aufgehängt - einfach so. Ein Menschenleben spielte damals keine Rolle, Rechtsstaatlichkeit war ein Fremdwort.


Die junge Frau kam ins KZ und wurde nach einiger Zeit entlassen. Danach wurde sie vermißt. Später fand man sie bei Verwandten in Herford.

 

Zur Anzeige zurück:
Dort stand geschrieben, dass man befürchte, dass der vermißten Frau das zugestoßen sei, was am 04.11.1944 der Jüdin Franziska Spiegel im Hücker-Holz widerfahren sei. Meine Kindheitserinnerungen holten mich ein. Ich war wie elektrisiert und wollte mehr wissen. Ich wollte wissen, was an jenem 4. November tatsächlich in dem zu Spenge gehörenden Hücker-Holz passiert war, welches Schicksal sich hinter dem Namen Franziska Spiegel verbarg.

 

Das erste, was ich in die Hand bekam, war der Geheimbericht des früheren Spenger Amtsbürgermeisters vom 05.11.1944 an Gestapo und Landrat. Kalt und unpersönlich wird in diesem Bericht von einer "Frauensperson" gesprochen, deren Körper noch warm gewesen sei als man ihn gefunden habe. Auf dem Rücken sei ein Zettel mit den Worten "Sie war eine Jüdin“ befestigt worden. Weiter ergibt sich aus dem Bericht, dass Franziska Spiegel von zwei SS-Leuten erschossen wurde. Einfach so, nur, weil sie eine Jüdin war.

 

So war das damals in dem Lande, das immer so stolz auf seine Dichter und Denker, auf seine Humanisten, Romantiker und Komponisten ist. Wie sagt doch Paul Celan in seinem Gedicht "Todesfuge": "Er greift nach dem Eisen im Gurt - er schwingt's - seine Augen sind blau" und "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Sein Auge ist blau, er trifft dich mit bleierner Kugel, er trifft dich genau".


Celans Gedicht sind Verse an die von den Nationalsozialisten ermordete Mutter. Wir alle haben Mütter.Auch Franziska Spiegel war Mutter. Mutter des damals 14 Jahre alten Sohnes Rolf. Er lebt heute in Australien. Deutschland konnte ihm keine Heimat geben. Deutschland, das ihm seine Mutter nahm und seine Kindheit stahl. Er kann weder vergessen, noch verzeihen. Ich kann ihn verstehen und frage mich, ob ein Mensch mit dieser Last überhaupt noch in seinem Leben innere Ruhe finden kann.

 

Meine Damen und Herren!

Franziska Spiegel wohnte zurückgezogen in einem abseits gelegenen Haus in Werfen, in einem Gebäude, das sich förmlich versteckte, um nicht aufzufallen, das sich duckte, wie Franziska Spiegel.


Sie war mit Gottfried Spiegel verheiratet, einem Arier, wie die Nazis das nannten. Gottfried Spiegel ist heute mit seiner zweiten Frau Gretel unter uns; nicht so selbstverständlich für einen erkrankten, über 85 Jahre alten Mann. Ich danke Ihnen, Frau Spiegel, und Ihnen, Herr Spiegel, dass sie dabei sind und zu dieser Ehrung Ihr Einverständnis gegeben haben. Danke.

 

Ich weiß, dass dieser Tag ein schwerer Tag für Sie ist.

 

Meine Damen und Herren!

Am 04.11.1944, nachmittags, wurde Franziska Spiegel von zwei SS-Leuten abgeholt. 3 km lang war der Weg durch die Werfener Felder zum Hücker-Holz. Nachbarn haben sie beobachtet - die zarte Frau zwischen den starken Männern. Sie haben sie beobachtet voller Mitleid und ohnmächtiger Wut. Sie hörten einen Schuß, der das Leben von Franziska Spiegel auslöschte - einfach so, nur, weil sie Jüdin war.

 

Meine Damen und Herren!

Holocaust war damals überall; auch in dem abseits gelegenen Hücker-Holz. Wie sagt doch Paul Celan "Der Tod ist Meister in Deutschland. Sein Auge ist blau, er trifft dich mit bleierner Kugel, er trifft dich genau“.

 

Der Bericht des Spenger Amtsbürgermeisters reichte mir nicht. Ich wollte mehr wissen. Ich recherchierte auf dem Hof Büscher in Werfen, zu dem das Haus Spiegel gehört. Ich fragte in der Nachbarschaft und erkundigte mich in Hücker-Aschen. Überwiegend waren die Menschen gesprächsbereit. Das Material habe ich einige Zeit später dem heute auch anwesenden Journalisten Horst Chudzicki übergeben, wissend, dass es bei ihm gut aufgehoben war und dass er es eines Tages zur Wirkung bringen würde.

 

Horst Chudzicki hat weiter recherchiert und am 9. November 1988 - am 50. Jahrestag der Pogromnacht - unter der Überschrift "Franziska Spiegel wurde am 04.11.1944 im Hücker-Holz ermordet - sie war eine Jüdin" berichtet. Der Artikel schlug in Spenge wie eine Bombe ein. Spenge wurde durch die Vergangenheit eingeholt, mußte sich der Geschichte stellen. Hat es getan. Die heutige Gedenkstunde ist ein augenfälliger Beweis dafür.

 

Meine Daunen und Herren!

Der von ethischen Maßstäben, von historischem Verantwortungsbewußtsein und großem Geschichtsinteresse getragene Artikel ist eine journalistische Glanzleistung. Mit innerem Engagement, packend, aufrüttelnd, hat uns Horst Chudzicki das Schicksal von Franziska Spiegel nähergebracht - sensibel, erinnernd und mahnend. Seine analytische Schärfe und historische Urteilskraft verdienen, besonders erwähnt zu werden.

 

Ihnen, Herr Chudzicki, möchte ich heute Nachmittag besonders danken, Sie und die Vertreter der anderen Medien möchte ich bitten, weiter dabei zu helfen, dass wir aus der Geschichte lernen, dass wir einem dunkelen Abschnitt unserer Vergangenheit mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit begegnen, dass wir alles tun, damit sich das Geschehene nicht wiederholt und der Weg der Versöhnung mit dem Jüdischen Volk fortgesetzt wird. Eine besondere Herausforderung gerade für uns Christen.

 

Meine Damen und Herren!

Zur Aussöhnung gehört in erster Linie das Erinnern. Erinnern macht Vergangenes gegenwärtig. Die alte jüdische Weisheit, wonach das Vergessenwollen das Exil verlängert, und das Geheimnis der Erlösung Erinnerung heißt, gibt eine alte Menschheitserfahrung wieder. Weil das so ist, müssen wir noch mehr als bisher unternehmen, damit das Geschehen nicht der Vergangenheit anheimfällt, dass es immer wieder bewußt gemacht wird


  • in Gedenkstunden, wie dieser hier,
    im Unterricht der Schulen,
    in der politischen Bildung,
    in der kirchlichen Arbeit,
    in der Begegnung mit den Stätten,  an denen Menschen gelitten haben und gestorben sind.

 

So auch in der Begegnung mit dem Gedenkstein im Hücker-Holz, in dem das blühende Leben von Franziska Spiegel brutal ausgelöscht wurde.

 

Meine Damen und Herren!

Der Fraktion "DIE GRÜNEN" ist es zu verdanken, dass Spenge nach dem NW-Bericht vom 09.11.1988 nicht zur Tagesordnung überging. Mit dem Antrag, die Gesamtschule nach Franziska Spiegel zu benennen, wurde das Schicksal dieses tapferen Menschenkindes erneut in das Bewußtsein gerückt. Wir wollen mit unserem Vorschlag ganz bewußt den Weg gehen, hier ein Opfer zu ehren und anzuerkennen, das stellvertretend für die millionenfachen Massenmorde an den Juden steht", so heißt es in dem Antrag. Nachdem sich der Rat für die Bezeichnung "Regenbogen-Gesamtschule" ausgesprochen hat, beschloß der Kulturausschuß, das Schicksal von Franziska Spiegel zu thematisieren.


Spürend, dass Geschichte auch ist, wie Franziska Spiegel gelitten hat und gestorben ist.
Spürend, dass Geschichte am eindrucksvollsten in einem konkreten Beispiel vermittelbar ist, wissend, dass wir uns auch hier in Spenge nicht aus der Geschichte herausstehlen können, zugeben müssen, dass wir schuldig geworden sind, Farbe bekennen müssen, hoffend, dass Gott uns unsere Schuld vergibt.

 

Es gereicht dem Kulturausschuß mit Gerhard Heining an der Spitze zur Ehre, dass er mit all seinen Fraktionen engagiert ein Stück Spenger Geschichte aufgearbeitet hat. Dem Ausschuß ist es gelungen, das Schicksal von Franziska Spiegel hineinzustellen in den geschichtlichen Zusammenhang und einen Bogen zu schlagen in unsere Gegenwart - zu Erscheinungen wie Neonazismus, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit.

 

Meine Damen und Herren!

Wer hierzu schweigt, macht sich mitschuldig. Lassen Sie uns alle daran arbeiten, dass der Traum von Heinrich Heine, wie er ihn in seinem Gedicht "In der Fremde" ausgedrückt hat, bei uns Wirklichkeit wird und bleibt. Ich zitiere: "Ich hatte einst ein schönes Vaterland. Der Eichenbaum wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft. Es war ein Traum. Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch - man glaubte kaum, wie gut es klang - das Wort "ich liebe dich". Es war ein Traum.

 

Meine Damen und Herren!

Geschichte macht betroffen und neugierig, sie lebt in uns, durch uns, prägt unser Leben. In mir wuchs der Wunsch, den Ehemann der ermordeten Franziska Spiegel kennenzulernen. Inzwischen sind wir uns mehrmals in unseren Wohnungen begegnet. Wir sind Freunde geworden. In den Gesprächen mit Gottfried Spiegel und seiner verständnisvollen, ihn tragenden und stützenden Frau Gretel habe ich Geschichte aus der Sicht und dem unmittelbaren Erleben eines Opfers der damaligen Zeit erfahren. Die Gespräche mit ihm haben mich berührt und mir neue Einsichten vermittelt.

 

"Ich liebe meine Frau heute noch", das hat er mir immer wieder in seiner gediegenen, mit alten Möbeln ausgestatteten gemütlichen Wohnung bei Siegen gesagt. "Sie war eine stille, eine gütige Frau, eine gute Mutter und hilfsbereite Nachbarin. Sie konnte Klavier spielen und hübsch war sie auch", so Gottfried Spiegel weiter.

 

Meine Damen und Herren!

Das, was Gottfried Spiegel über seine Frau gesagt hat, habe ich auch von den Nachbarn in Werfen gehört. Sie mochten Frau Spiegel.
"Hätte ich meiner Frau doch nur den Weg von unserer Wohnung zur Hinrichtungsstätte im Hücker-Holz abnehmen können", eine weitere Bemerkung dieses leidgeprüften Mannes, der daran erinnert, dass seine Frau unterwegs geschlagen und getreten wurde. Nachbarn wollen gehört haben, dass sie darum bat, schon vor dem Haus erschossen zu werden. Sie ahnte, dass der Weg zum Hücker-Holz ein Weg ohne Umkehr, ein Weg in den Tod war.

 

Ich bin in den letzten Jahren mehr als einmal mit meiner Frau durch die Felder von Werfen gegangen. Ich habe mich immer wieder gefragt, was wohl in dem Kopf von Frau Spiegel, was wohl in den Köpfen der Mörder vorgegangen sein mag. Ich habe mich gefragt, ob der Tod von Franziska Spiegel hätte verhindert werden können. Fragen über Fragen, Fragen ohne Antwort. Ich bin sprachlos über das, was Menschen anderen Menschen antun können.

 

Blutgetränkte Erde des Hücker-Holzes, aufbewahrt in einer Flasche, wird Gottfried Spiegel, dem damals alle Fotos seiner Frau von der Gestapo weggenommen wurden, mit in sein Grab nehmen.

 

"Wir haben 1928 geheiratet. 1930 wurde unser Sohn Rolf geboren. Kurz nach seiner Geburt begannen die ersten Verfolgungen, flogen die ersten Steine und Flaschen durch unser Wohnzimmerfenster in Schleswig-Holstein, wurde ich geschlagen, weil ich mit einer Jüdin verheiratet war", erzählt Gottfried Spiegel.

 

Meine Damen und Herren!

Mit dem Raub der menschlichen Würde fing es damals an; mit dem Verbot des Betretens von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen, mit dem Tragen des Juden-Sterns ging es weiter. Die Schikanen eskalierten im Laufe der Zeit, wurden zu Verbrechen. Mit dem Holocaust, mit den Vernichtungslagern von Auschwitz und Theresienstadt fand die erbarmungslose Erniedrigung und Verfolgung der jüdischen Mitbürger ihr schreckliches Ende.

 

Die Familie Spiegel war damals ständig auf der Flucht, kam nicht zur Ruhe. Stationen waren u.a. Schleswig-Holstein, das Ruhrgebiet, das Sauerland und schließlich das stille Werfen an der Else.

 

In den letzten Jahren des Krieges mußten sich Frau Spiegel und ihr Sohn alle 14 Tage bei der Gestapo in Bielefeld melden. Sie waren schon für einen Vernichtungstransport eingeplant. Nur durch einen glücklichen Umstand - sie kamen zu spät auf dem Bahnhof Bielefeld an - entgingen sie dem Konzentrationslager.

 

Es wurden ihnen Lebensmittelkarten vorenthalten. Die Wohnung durfte, um unvermutete Kontrollen sicherzustellen, nicht verschlossen werden. Herr Spiegel, der nach 2-jähriger Wehrmachtszeit 1943 verwundet nach Hause zurückkam, mußte für den halben Lohn arbeiten. Auf den verschiedenen Arbeitsplätzen wurde er schikaniert und gequält, z.B. mit glühender Asche beworfen und seine Arbeitsleiter angesägt. Jahrelang wurde er unter Druck gesetzt, die Ehe aufzulösen. Andere haben diesem Druck nachgegeben und sich scheiden lassen, Gottfried Spiegel nicht. Er hat seiner Frau die Treue gehalten, bis der gewaltsame Tod sie schied. Der Tod, der in Deutschland Meister ist.

 

Gottfried Spiegel wörtlich:
"Die hätten mich mit dem Tod bedrohen können, ich hätte meine Frau nicht verlassen. Ich wußte, dass eine Trennung schon bald den Transport in ein Vernichtungslager zur Folge gehabt hätte".

 

Meine Damen und Herren!

Stellen Sie sich einmal vor: 15 Jahre lang waren Angst, Demütigungen, Haß und Verfolgung - alles, was sich pervertierte Gehirne ausdenken können - ständige Begleiter dieser Familie. Ich schäme mich für das, was Deutsche den Juden angetan haben.

 

Meine Damen und Herren!

Die Zeit reicht nicht aus, um hier und heute zu schildern, was sich das menschenverachtende und menschenzerstörende System damals alles einfallen ließ, um die jüdischen Mitbürger zu quälen - brutal und erbarmungslos. Es waren furchtbare Jahre, ohne jedes Rechtsempfinden, ohne Mitleid.


So wurde dem leidgeprüften Mann zum Beispiel auch verboten, den Leichnam seiner Frau auf deinem Friedhof zu bestatten. Zusammen mit einem 16-jährigen ukrainischen Zwangsarbeiter, dem Franziska Spiegel wie ihren eigenen Sohn zur Seite stand, hat Herr Spiegel seine Frau bei strömendem Regen und in dunkler Nacht auf einer Wiese an der Grenze von Werfen/Hücker-Aschen bestattet. Nach dem Krieg wurde Franziska Spiegel exhumiert. Auf einem Friedhof in Minden fand sie ihre letzte Ruhe.

 

Ein mutiger Tischlermeister aus Ennigloh stellte damals - obwohl verboten - bei Gefahr für Leib und Leben einen Sarg zur Verfügung. So etwas gab es auch. Menschen, die Menschlichkeit zeigten, die jüdischen Mitbürgern halfen. Gottfried Spiegel kann auch darüber berichten.

 

Lieber Herr Spiegel!

Sie sind ein mutiger Mann. Sie haben in schweren Zeiten Charakterfestigkeit und Zivilcourage gezeigt. Widerstand gegen ein unmenschliches Regime geleistet. Sie haben ein Beispiel gegeben, sind eine moralische Instanz. Mit Ihrem historischen Erfahrungsschatz sind Sie ein Zeitzeuge von beachtlichem Format. Wir versprechen Ihnen, die Botschaft des heutigen Tages mit Herz und Hirn zu leben und weiterzutragen.

 

Meine Damen und Herren!

Franziska Spiegel ist 39 Jahre alt geworden. Sie ist zu früh gestorben. Sie hat die Sonne nicht zu Ende gesehen, das Leben nicht zu Ende gelebt. Ihr war es nicht vergönnt, glücklich zu sein und in Deutschland Heimat zu finden. Ruhe fand sie erst im Tod. Ihr Tod ist uns Mahnung und Verpflichtung.

 

© Stadt Spenge

Vortrag von Dr. Norbert Sahrhage 

anlässlich der Feierstunde am 04. Nov. 1991

 

Sehr geehrtes Ehepaar Spiegel,
sehr geehrter Herr Landesrabbiner,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

wir treffen uns hier 47 Jahre nach einem kaltblütigen Mord.

 

Das ist eine Zeitspanne, mehr als ein halbes Menschenleben. So lange hat es gebraucht, bis sich die Bevölkerung dieser Region an das Schicksal Franziska Spiegels erinnert, die wenige Monate vor Kriegsende von zwei Mitgliedern jenes Ordens ermordet wurde, der sich als "Kampftruppe" aus den "blutsmäßig besten Deutschen" verstand.

 

Es handelte sich bei diesen SS-Männern um die Angehörigen einer Einheit, die in den Novembertagen des Jahres 1944 das Gebiet des Landkreises Herford durchquerte und hier für wenige Tage Station machte. Ein NSDAP-Funktionär aus einem Nachbarort informierte die SS-Männer über die in der Gemeinde Werfen lebende jüdische Frau. Daraufhin kam es zu der entsetzlichen Tat im Hücker-Holz. Systematische Nachforschungen nach den Tätern hat es weder im November 1944 noch nach Kriegsende gegeben.
Der Mord ist bis heute ungesühnt geblieben.

 

Fragt man, wie es zu dieser entsetzlichen Tat kommen konnte, so genügt es nicht, darauf zu verweisen, daß der Mord von auswärtigen SS-Leuten begangen worden ist. Der Denunziant Franziska Spiegels war ein Einheimischer, und dass die Untat im Jahre 1944 überhaupt stattfinden konnte, setzte eine über Jahre hin bestehende Loyalität von großen Teilen der Bevölkerung dem nationalsozialistischen Regime gegenüber voraus. Diese Loyalität bestand lange Zeit auch in der Region. So gesehen hat auch die einheimische Bevölkerung einen Beitrag dazu geleistet, dass unmenschliches Handeln hier und anderswo stattfinden konnte. Die Akzeptanz der nationalsozialistischen Regierung in der Bevölkerung bröckelte zwar seit Stalingrad, aber wohl weniger wegen möglicher moralischer Bedenken, sondern eher aus Gründen der verschlechterten Kriegs- und Ernährungslage.

 

Der Nationalsozialismus war kein Phänomen, das die heimische Bevölkerung erst im Jahre 1933 überraschte.


Die Grundpfeiler des "Dritten Reiches" in der Region reichen bis in die Anfänge der Weimarer Republik, ja sogar bis in die Zeit des Kaiserreichs zurück, als die antisemitisch orientierte Christlich Soziale Partei des Berliner Hofpredigers Adolf Stöcker bei den Wahlen zum Reichstag auch in Spenge und Umgebung erhebliche Stimmenanteile für sich verbuchen konnte.

 

Unmittelbar nach der Revolution 1918/19 existierten in verschiedenen Städten des Kreises Herford Ortsgruppen des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, der ebenfalls mit einem betont antisemitischen Programm in Erscheinung trat. In den 1920er Jahren wurden zudem in verschiedenen Ämtern des Landkreises Ortsgruppen des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, gegründet. Auf Reichsebene schloß sich der Stahlhelm im Jahre 1931 mit der NSDAP und der DNVP zur Harzburger Front zusammen. Diese Koalition, die massiv die Weimarer Demokratie bekämpfte, bildete am 30. Januar 1933 die Basis für das erste Kabinett Hitlers.

 

Die Ortsgruppen des Stahlhelm kooperierten häufig mit den Kriegervereinen, deren zahlreiche Mitglieder dem Kaiserreich nachtrauerten und der Weimarer Republik mit ihren "Erfüllungspolitikern", die dem "Versailler Friedensvertrag" zugestimmt hatten, distanziert gegenüberstanden. Die Mitglieder dieser Verbände stammten weitgehend aus dem gehobenen Bürgertum. Dadurch bekamen antirepublikanische und antidemokratische Einstellungen eine allgemeine Akzeptanz.

 

Mitte der 1920er Jahre wurden auch in der Stadt und im Gebiet des Landkreises Herford Ortsgruppen der NSDAP gegründet. Die ersten Gründungen erfolgten in Herford und Bünde, später kamen Ortsgruppen in den kleinere n Dörfern hinzu. Die Nationalsozialistische Partei blieb zunächst jedoch ohne Massenbasis. Das änderte sich aber mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929. Parallel zu den Erfolgen der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen seit 1930 nahm auch in den Gemeinden des Kreises Herford die Zahl der NSDAP-Ortsgruppen zu. Die Mitgliederzahlen stiegen stetig. Die Ortsgruppe Herford zählte im April 1932 bereits etwa 1.000 Mitglieder, die Ortsgruppen in Bünde und Enger je knapp 700.

 

Auch das politische Klima radikalisierte sich. Es kam zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der NSDAP auf der einen und SPD- bzw. KPD-Anhängern auf der andere n Seite. Die „berühmt“ gewordene Spenger Saalschlacht am 8. Juli 1932 war hierbei kein Einzelfall.

 

Als Hitler am 30.1.1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, formierten sich an diesem Abend auch in verschiedenen Orten des Landkreises Herford die Mitglieder der NSDAP und des Stahlhelm zu großen Fackelzügen, die an den Kriegerdenkmalen endeten.

 

Bei der Reichstagswahl am 5.3.1933 gelang der NSDAP im Landkreis Herford mit 49,6% der abgegebenen gültigen Stimmen ein deutlicher Erfolg, wobei die Herforder NSDAP-Ergebnisse deutlich über dem Reichsdurchschnitt lagen. In einigen Gemeinden des Amtes Spenge, so z.B. in Hücker-Aschen und Wallenbrück, wurde sogar die 50% Marke übertroffen. In der Gemeinde Bardüttingdorf wurde die NSDAP von 73% der Bevölkerung gewählt.

 

Dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten auf Reichsebene folgte nach der am 12.3.1933 durchgeführten Kommunalwahlen die "Machtergreifung" auf der lokalen Ebene. Das war die Zeit der "Märzgefallenen", jener Bürger, die rasch der Partei beitraten , weil sie sonst berufliche Konsequenzen befürchteten oder sich bessere Aufstiegsmöglichkeiten erhofften. Innerhalb kurzer Zeit waren die leitenden Kommunalbeamten, viele Lehrer, aber auch zahlreiche kleine und große Geschäftsleute Mitglied in der NSDAP.

 

Nunmehr erfolgte eine Überprüfung der parlamentarischen bzw. kommunalpolitischen Funktionsträger. Die Mitglieder zunächst der KPD, dann der SPD, etwas später auch der bürgerlichen Parteien, verloren ihre Mandate. Schließlich - gegen Ende des Jahres 1933 - wurde das Prinzip der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung ganz aufgehoben: Die Gemeinderäte wurden nun nicht mehr gewählt, sondern ernannt. Ihre Aufgabe bestand nur noch darin, in nicht öffentlicher Sitzung die Gemeindeleiter zu beraten.

 

Nach der Erringung der parlamentarisch-politischen Schlüsselpositionen ging es den Nationalsozialisten in der Folgezeit darum, ihre Partei als zentrales Element der "Volksgemeinschaft" darzustellen. Eine besondere Bedeutung besaßen hierbei die von der Reichsregierung angeordneten Feiern zum 1. Mai. Daß die Kundgebungen zum 1. Mai bloße Propagandaveranstaltungen waren, um die Arbeiterschaft für den NS-Staat zu gewinnen, erwies sich bereits am Tag nach dem 1. Mai des Jahres 1933, als die Büros der Gewerkschaften besetzt und ihr Vermögen beschlagnahmt wurden.

 

Im Verlaufe des Jahres 1933 erfolgte auch die "Gleichschaltung" der bürgerlichen Vereine. Sie bestand darin, anstelle von Mehrheitsentscheidungen in den gewählten Vorstanden das "Führerprinzip" einzuführen und eine im nationalsozialistischen Sinne "zuverlässige" Vereinsführung zu installieren.

 

Beschreibt man die Situation Mitte der 1930er Jahre, so bleibt festzuhalten, dass sich große Teile der Bevölkerung mehr oder weniger gut mit dem Nationalsozialismus arrangiert hatten. Es gab zwar Konflikte zwischen den Deutschen Christen und Der Bekennenden Kirche, es gab Gruppierungen innerhalb der Arbeiterschaft, die Widerstand gegen das Regime zu leisten versuchten, es gab die Gruppe der Bibelforscher, die trotz Verfolgung ihre Religion weiter ausübten: gleichwohl gilt, dass die Mehrheit der Bevölkerung der nationalsozialistischen Regierung bei freien Wahlen ihre Stimme gegeben hätte.

 

Große Teile der Bevölkerung wollten nicht wahrnehmen, was jeder sehen konnte, der auch nur halbwegs politisch interessiert war: Die Ausgrenzung und Verfolgung der zahlenmäßig kleinen Gruppe der Juden. Die Mehrheit der Bevölkerung war offenkundig bereit, über die Verfolgung dieser Minderheit hinwegzusehen, wenn im Gegenzug dazu nur die eigene Lebenssituation unangetastet blieb und die wirtschaftlichen Verhältnisse Stabilität versprachen.

 

Die jüdische Bevölkerung der Stadt und des Landkreises Herford umfaßte im Jahre 1933 etwas mehr als 350 Personen, was etwa 0,15% der Gesamtbevölkerung entsprach. Die Mehrzahl der Juden lebte in den Städten Herford, Bünde und Vlotho, wo auch Synagogengemeinden bestanden, so wie in der Kleinstadt Enger. In den übrigen Ämtern des Landkreises Herford wohnten nur vereinzelt Juden.

 

Vor der nationalsozialistischen "Machtergreifung" war die Assimilierung der jüdischen Bevölkerung vorangeschritten. Eine große Anzahl jüdischer Familien lebte bereits seit Generationen in der Stadt Herford und im Kreisgebiet, die überwiegende Mehrzahl der berufstätigen Juden betrieb eigene Geschäfte, wobei das Schwergewicht auf dem Verkauf von Manufakturwaren und Textilien lag. Einige Juden hatten im 19. Jahrhundert den Aufstieg vom Geldverleiher oder Kleinhändler zum industriellen Unternehmer geschafft. In mehreren Fällen wurden die Unternehmen gemeinsam mit einem christlichen Kompagnon geführt.

 

Vor dem Ersten Weltkrieg hatte es in den Städten des Kreises Herford mehrere jüdische Schützenkönige und -königinnen gegeben, auch die Turn- und Gesangvereine in Herford, Bünde, Enger und Vlotho besaßen jüdische Mitglieder. Juden nahmen zudem politische Ehrenämter wahr und stellten sich in den Dienst der Allgemeinheit, indem sie sich z.B. als Schöffen bei Gericht oder in der örtlichen Feuerwehr engagierten.

 

Unmittelbar nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" setzte auch im Herforder Raum die Verfolgung der Juden ein. Sie war in dieser ersten Phase durch Boykottaktionen und persönliche Diskriminierungen gekennzeichnet. Beträchtliche Teile der jüdischen Bevölkerung wanderten daraufhin seit der Mitte der 1930er Jahre aus oder ab. Einen ersten Höhepunkt der Ausgrenzung bildeten Die Nürnberger Rassegesetze des Jahres 1935, die die Juden zu Bürgern zweiter Klasse degradierten.

 

Während des Novemberpogroms 1938 wurden auch in Herford, Bünde und Vlotho die Synagogen zerstört und zahlreiche jüdische Geschäftshäuser demoliert. Besonders schlimm waren die Ausschreitungen in der Stadt Bünde. In Anwesenheit des Herforder Landrates Hartmann wurde die Synagoge aufgebrochen, ihr Inventar zertrümmert und verbrannt. Die Kultgegenstände wurden durch den Ort getragen. Mehrere Wohnhäuser von Juden waren Ziel weiterer Übergriffe. Den Höhepunkt erreichte der Pogrom hier in der Nacht vom 10. auf den 11. November, als das zuvor geplünderte Manufakturwarengeschäft der Familie Spanier in Brand gesetzt wurde.

 

Im Jahre 1938 wurde zudem die sogenannte "Arisierung" eingeleitet. Bis 1942 gelangten zahlreiche jüdische Wohn- und Geschäftshäuser in "arischen" Besitz. Die nicht "arisierten" Immobilien wurden im Anschluß an die Deportation der Juden vom Deutschen Reich beschlagnahmt. Die noch in Herford, Bünde, Vlotho und Enger verbliebenen Juden wurden jeweils einige Tage vor den Abtransporten in die Konzentrationslager mit Lastwagen nach Bielefeld gebracht, wo in verschiedenen Auffanglagern jüdische Familien aus ganz Ostwestfalen zusammengetrieben wurden. Die Deportation der Juden aus dem Landkreis Herford erfolgte in drei Bahntransporten am 13.12.1941, am 31.3. und am 31.7.1942. Die Deportationen gingen zunächst u.a. nach Treblinka und Theresienstadt. Von dort aus wurde z.T. ein Weitertransport nach Auschwitz vorgenommen.

 

Am 12.2.1945, wenige Wochen vor Kriegsende, fand noch ein weiterer Transport für jene Jüdinnen statt, die - nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch - in "privilegierter Mischehe" lebten, d.h. mit "arischen" Männern verheiratet waren. Diesem Transport hätte vermutlich auch Frau Spiegel angehört, wäre sie noch am Leben gewesen.

 

Zählt man die zuvor aus- oder abgewanderten Juden mit dazu, die noch in die Hände der Nationalsozialisten fielen, so sind insgesamt mehr als 160 aus dem Gebiet der Stadt und des Landkreises Herford stammende Juden in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet worden.

 

Nach 1945 dauerte es sehr lange, bis „Wiedergutmachungsmaßnahmen" für die jüdische Bevölkerung erfolgten. Es sei hier nur am Rande angemerkt, dass der eingeführte Begriff "Wiedergutmachung" die Maßnahmen nur sehr unzutreffend beschreibt, täuscht er doch eine Wiederinstandsetzung in den alten Stand vor, die nicht erfolgte, auch gar nicht erfolgen konnte. Die nationalsozialistischen Täter waren bereits "entnazifiziert" und gesellschaftlich wieder etabliert, als man sich intensiver um die Verfolgten des Regimes zu kümmern begann. Eine wirkliche Integration der wenigen Juden, die nach ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern in die Stadt und in den Landkreis Herford zurückkehrten, konnte u.a. auch deshalb nicht stattfinden.

 

Abschließend möchte ich noch einen Gedanken aufgreifen, den Herr Barsilay vor drei Jahren anläßlich der Einweihung eines Mahnmals in der Stadt Bünde geäußert hat: Nicht die von den Medien vorgegebene Erinnerung alle 10 oder 25 Jahre an bestimmte Ereignisse führt zu einer Veränderung des Denkens, sondern die permanente Auseinandersetzung mit der Geschichte.

 

Das umfassende Gedenken am 9. November 1988 anläßlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht hat einerseits vielen Menschen die Ereignisse in der Schreckensnacht wieder vor Augen geführt, andererseits konnte dieser einmalige Akt nicht verhindern, dass bereits kurze Zeit später dieses Thema wieder abgehakt war.

 

Am 51. Jahrestag der Reichspogromnacht hat kaum noch jemand an den 9. November 1938 gedacht.

 

In diesem Sinne beinhalten Gedenksteine und Mahnmale vielleicht am ehesten eine ständige Aufforderung an die Menschen, sich mit den Schicksalen, die in den Steinen symbolhaft Gestalt angenommen haben, zu beschäftigen, nachzudenken und dabei auch danach zu fragen, ob und inwieweit bestimmte Merkmale inhumanen Verhaltens tatsächlich völlig verschwunden sind.

Machen wir es uns nicht zu leicht und schauen nur nach Hoyerswerda.

 

© Stadt Spenge

Ansprache von Landesrabbiner Dov-Levi Barsilay 
anlässlich der Feierstunde am 4.11.1991

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Gedenkdaten und Gedenkveranstaltungen - gerade dieser Art – veranlassen uns Menschen doch in der Regel, uns wehmütig an die traurigen, schlimmen Ereignisse zu erinnern, die diesen Gedenktagen zugrunde liegen. Sie veranlassen aber auch zum Nachdenken; zum Nachdenken über Ereignisse und Anlässe, die uns in letzter Zeit mittelbar oder unmittelbar betreffen, sie veranlassen uns darüber nachzudenken, inwieweit Geschehnisse von gestern und heute uns und unsere Familien berühren.

 

Wir gedenken heute der durch die nationalsozialistische Barbarei ermordeten Franziska Spiegel.

 

Wir Juden gedenken aber auch in diesen Tagen aller Opfer und Märtyrer des Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1945.

In einigen Tagen, am 9. November nämlich, gedenken wir der Zerstörung der Synagogen im Deutschen Reich und der Vernichtung tausender blühender jüdischen Gemeinden und damit des eigentlichen physischen Beginns der „Shoa“, des Holocausts.

 

Hier und heute versetzen wir uns im Erinnern in die Gegenwart von damals, in die Tage des Niederbrennens, der Zerstörung, der Folterung von Menschen, als viele Bürger sich abwandten von denen, die bis 1933 doch ihre selbstverständlichen Nachbarn, Kollegen und Mitschüler gewesen waren, bis sie durch staatliche Regelungen mehr und mehr gedemütigt, entrechtet und zu Fremden erklärt wurden.

 

Viele weinten damals, auch Nichtjuden; und viele sagten ihren Kindern – obwohl das doch gefahrvoll sein konnte, sagten sie es - "So etwas kann nicht gut ausgehen!" Aber dennoch, die Mehrheit schwieg, wenn sie nicht gar mitmachte. 

 

So begann damals die Vertreibung der deutschen Juden aus ihrer Heimat. So setzte sich die Verarmung deutscher Kultur fort, die spätestens mit der Bücherverbrennung begonnen hatte. So begann unsere Gegenwart, in der so oft bedauert wird, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nur wenige Zehntausende umfasst.

 

Aus der Vergangenheit erwuchs für die Heurigen ein neues Besinnen auf Mitmenschlichkeit, auf Verantwortung - begann bereits vor Jahren das Fragen danach, wie eigentlich Vorurteile entstehen und in Haus, Schule und Kirche als Tatsachen weitergegeben werden.
Zunehmend erarbeiten sich Lehrer und Theologen die Erkenntnis, dass Vorurteile vor allem dem schaden, der sie für wahr hält. Auch wo es keine Juden gibt, auch wenn man noch nie mit einem Juden sprach, weiß man oft ganz genau, "die Juden" tun, was sie glauben, falsch machen; dass sie klüger sind als andere - auch dieses dumme Vorurteil finden wir oft genug.

 

Dass gegen alle diese Vorurteile von vielen Verantwortlichen in diesem Land gearbeitet wird, ist für uns Juden ein Grund für Vertrauen in die Gegenwart und Hoffnung auf die Zukunft. Gedenkveranstaltungen zwingen uns geradezu, auch über unsere Ängste und Sorgen zu sprechen.

 

Und wer dieses Aussprechen als Vorwurf empfindet - was ich persönlich sehr bedauern würde - hat einfach unsere Problematik hier nicht verstanden. Es ist nämlich wichtig zu wissen: die jüdischen Menschen wurden vertrieben und ermordet, die jüdischen Gemeinden in Deutschland wurden vernichtet, es gibt sie nicht mehr, es wird sie auch so nie wieder geben.

 

Jüdische Gemeinden in Deutschland, die sich nach 1945 konstituiert haben, stehen in keiner wie auch immer gearteten Kontinuität zu jüdischen Gemeinden Deutschlands der Zeit vor 1933. Sie sind keine in Jahrzehnten der Ruhe harmonisch gewachsenen Einheiten. Sie sind kurz nach der größten Tragödie des jüdischen Volkes dort entstanden, von wo die Tragödie ihren Ausgang nahm.

 

Sie entstanden damals als eine Art Großfamilie, aus deren schützender Umfassung heraus das physische Weiterleben des Einzelnen ermöglicht wurde. Es waren, Anfang der 50er Jahre, auf den Augenblick hin zweckgerichtete und nicht in die Zukunft weisende Gründungen, die streng genommen den Zustand des Provisoriums erst heute, ganz langsam, abzulegen versuchen. In der Gegenwart wird also jüdisches Leben hier durch jüdische Gemeinden repräsentiert, die in ihrer Problematik als Folge der Katastrophe nur ungenügend verstanden und akzeptiert werden.

 

Wie viel Mut und ungeheures Vertrauen müssen wohl die Gründer dieser Gemeinden damals gehabt haben, um sich wieder da niederzulassen, wo sie seinerzeit mit Schmach und Schande auf einen Weg geschickt wurden, von dem es eigentlich kein Zurück mehr gab?

 

Heute, meine Damen und Herren, leben wir in einem Land, das vor kurzer Zeit erst seine Nationale Einheit wiederherstellen konnte. Trotz großer Bedenken und Befürchtungen stand auch für uns Juden freudiges Empfinden über die friedlich erfolgte Vereinigung beider deutscher Staaten im Vordergrund; insbesondere schon deshalb, weil mit der DDR ein Staat von der Weltbühne abgetreten ist, der den Staat Israel nie anerkennen wollte, der an schlimmsten antijüdischen und antiisraelitischen Handlungen, letzteres sogar noch bis kurz vor der Vereinigung, beteiligt war.

 

Und dennoch haben wir Sorgen, was die Begleiterscheinungen zur Vereinigung anbetrifft.
Es sind z.B. die seit dem 9. November 1989 immer lauter gewordenen Parolen, dass die Vergangenheit und damit die Verantwortung für die vom nationalsozialistischen Deutschland begangenen Taten endgültig ad acta gelegt werden.

 

Es sind aber auch Erscheinungen der Gegenwart in Ost und West, die unter dem Begriff „Hoyerswerda“ vor unseren Augen wieder ein Stück tragischer Geschichte Revue passieren lassen.

 

Dass heute, im Jahre 1991, hierzulande wieder Diskriminierungen und Pogrome stattfinden, ja stattfinden können, macht uns und insbesondere unseren neuen Gemeindemitgliedern aus der Sowjetunion große Angst. Solchen Tendenzen gilt es, meine Damen und Herren, gemeinsam  entgegenzuwirken.

 

Gemeinsam ...    Nachkommen von Tätern und Nachkommen von Opfern.

Ich habe eingangs von der Hoffnung auf eine gemeinsame, bessere Zukunft gesprochen, die aber ohne Annahme der Vergangenheit - und zwar der ganzen Vergangenheit - nicht möglich ist.

 

Wir Juden wollen heute wieder das Versprechen erneuern, dass wir das Andenken unserer Märtyrer immer in Ehren halten werden. Wir alle sollten aus der verpflichtenden Erinnerung heraus handeln und unsere ganze Kraft darauf richten, für eine Zukunft zu sorgen, in der die Annahme des jeweils anderen die Garantie der eigenen Freiheit darstellt.

 

© Stadt Spenge

In: Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford, Nr. 47, Dez. 2003, S. [3] ; 2 Abb. Erschießung der Jüdin Franziska Spiegel am 04. November 1944 durch SS-Männer in einem Wäldchen auf dem Gebiet von Hücker-Aschen.

 

Nachstehend der ganze Wortlaut:

 

Jan Jakubczak aus Polen meldet sich nach 59 Jahren   /   Zeuge eines kaltblütigen Mordes

 

Von Dr. Norbert Sahrhage

 

Der Mord an der Jüdin Franziska Spiegel zählt ohne Zweifel mit zu den schrecklichsten Geschehnissen in der Region während der Zeit des "Dritten Reiches".

 

Franziska Spiegel war im Jahre 1943, als die Deportation der Bünder Juden bereits abgeschlossen war, zusammen mit ihrem „arischen“ Ehemann und dem gemeinsamen Sohn Rolf in einen Kotten des Bauern Büscher nach Werfen gezogen. Sie hoffte hier in der Abgeschiedenheit der ländlichen Gemeinde die Zeit der Verfolgung überleben zu können. 

 

Leider ein Irrtum: Franziska Spiegel wurde am 4. November 1944 von zwei SS-Männern aus ihrer Wohnung geholt und im nahegelegenen Hückerholz erschossen. Die Täter konnten weder unmittelbar nach dem Ende des "Dritten Reiches" noch bei einem erneuten Versuch der Staatsanwaltschaft Anfang der 1990er Jahre ermittelt werden; die Tat blieb bis heute ungesühnt.

 

Vor einigen Monaten meldete sich der 79-jährige Jan Jakubczak aus Gostyń/Polen bei der Stadt Bünde. Er war Zeuge des gemeinen Mordes. Nach mehreren Briefen, in denen der Kontakt vertieft wurde, besprach der ehemalige Zwangsarbeiter in seiner Heimatstadt ein Tonband, auf dem er über seine Erfahrungen in der Gemeinde Werfen während des Zweiten Weltkrieges und über den kaltblütigen Mord an Franziska Spiegel berichtet.

Jan Jakubczak  geboren am 26.09.1924   /   verstorben am 01.12.2008 in Gostyń/Polen

 

Nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht wurde der fünfzehnjährige Jan Jakubczak aus Gostyń als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht. Wegen der zur Wehrmacht eingezogenen deutschen Männer benötigte das Deutsche Reich zahlreiche Arbeitskräfte, die man gegen ihren Willen aus ihren Heimatländern holte. Die Behandlung der Zwangsarbeiter war sehr unterschiedlich. Am besten trafen es diejenigen, die in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Zu diesem Personenkreis gehörte auch der am 26.09.1924 geborene Jan Jakubczak. 

 

 

Hier sehen Sie Jan Jakubczak in der Sammlung 

"Europa, Registrierung von Ausländern und deutschen Verfolgten, 1939-1947" lfd. Nr. 10 und seine spätere Ehefrau

Wiktoria Gasior lfd. Nr. 45

Nach einer zweitägigen Eisenbahnfahrt in einem Personenzug kam der junge Pole am 29. April 1940 abends um 23.00 Uhr gemeinsam mit anderen Zwangsarbeitern auf dem Bünder Bahnhof an, wo bereits mehrere Bauern warteten, um die benötigten Arbeitskräfte auszusuchen. 

 

Jan Jakubczak berichtet: „Ich kam zu dem Bauern Werner Klaus in Werfen Nr. 9. Das war ein guter Mann. Obwohl ich am ersten Morgen verschlafen hatte, wurde ich nicht geweckt. Herr Klaus hat mir dann seinen Hof gezeigt. Ich bekam ein eigenes Zimmer im Haus, oben unter dem Dach. Und ich durfte gemeinsam mit der Familie essen, obwohl es offiziell verboten war, dass Bauern und Zwangsarbeiter gemeinsam die Mahlzeiten einnahmen.“ 

 

Der junge Zwangsarbeiter konnte den Kontakt zu seinen Eltern in Polen durch einen intensiven Briefwechsel aufrecht erhalten. Jan Jakubczak weiß noch genau, dass er seine Briefe immer dem einarmigen Dorfbriefträger mitgeben konnte. Weder seine Briefe noch die Antwortbriefe seiner Eltern seien zensiert worden.

Der ehemalige Zwangsarbeiter erinnert sich, dass bei der Familie Klaus über Politik nicht gesprochen wurde. Die Zwangsarbeiter durften sich abends nach getaner Arbeit bis 20.00 Uhr (Sperrstunde) frei im Dorf bewegen. Der junge Pole lernte dabei seine spätere Ehefrau Wiktoria Gasior kennen, die auch aus Polen stammte und als Zwangsarbeiterin bei dem Bauern Heinich Büscher, Werfen Nr. 5, lebte.

In unmittelbarer Nähe des Hofes Klaus lag der kleine Kotten, in dem seit 1943 die Familie Spiegel wohnte. Während Franziska Spiegel sehr zurückgezogen lebte, kam ihr dreizehnjähriger Sohn Rolf Gottfried häufig auf den Hof Klaus, um sich mit dem polnischen Zwangsarbeiter zu unterhalten. Zwischen beiden entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Jan Jakubczak erinnert sich schmunzelnd: „Rolf war ein guter Junge, er hat häufig gefragt, was denn in Polen anders sei als in Deutschland, da habe ich ihm vorgeschwindelt, in Polen würde die Straßenbahn von Pferden gezogen. Da hat er sehr gestaunt.“

Am 4. November 1944 befand sich der junge Zwangsarbeiter auf einem Feld in der Nähe des Hofes. Dabei sah er, dass Franziska Spiegel von mehreren SS-Leuten über einen Feldweg weggeführt wurde. Als die Gruppe an dem polnischen Zwangsarbeiter vorbeikam, sah Jan Jakubczak, dass Franziska Spiegel weinte. Einer der SS-Männer kam auf ihn zu und fragte ihn, ob er einen Spaten habe. Der junge Pole verneinte, er wurde dann gefragt, welcher Nationalität er sei. Als Jan Jakubczak antwortete, er sei aus Polen, wurde ihm in barschem Ton erklärt, er möge „die Schnauze halten“, sonst werde er das Schicksal der Jüdin teilen. Die Gruppe ging dann weiter. Kurze Zeit später hörte Jan Jakubczak einen Schuss.

Die SS-Männer hatten Franziska Spiegel in ein nahegelegenes Wäldchen geführt, das bereits auf dem Gebiet der Gemeinde Hücker-Aschen lag. Hier hatte einer der Männer Franziska Spiegel durch einen Schuss in den Hals getötet.

Am Nachmittag des nächsten Tages musste der junge Pole auf Anweisung seiner Bäuerin Gottfried Spiegel, den Ehemann der Ermordeten, mit einem Pferdewagen nach Spenge fahren, wo die beiden die Leiche Franziska Spiegels aus dem St. Martinsstift abholten. 

 

Die Kriminalpolizei hatte sie vom Tatort dorthin gebracht. Jan Jakubczak erinnert sich: „Ich hatte Angst mit nach Spenge zu fahren, weil ich die Drohung des SS-Mannes noch im Ohr hatte.“ Auf dem Pferdewagen befand sich auch ein leerer Sarg, der von einem Schreinermeister aus Bünde-Ennigloh angefertigt worden war. Auf dem Weg nach Spenge hielten die beiden am Tatort im Hückerholz an. 

 

Jan Jakubczak erinnert sich daran, dass sich Gottfried Spiegel hier auf den Boden warf und weinte. An einer Stelle des Waldbodens waren noch Blutflecken zu sehen. In der Nähe des Tatortes fanden sie auch Papiere, die die Ermordete bei sich geführt hatte.

In Spenge legten sie die Ermordete in den mitgebrachten Sarg und fuhren dann nach Werfen zurück. Da Gottfried Spiegel mitgeteilt worden war, dass seine Frau weder auf dem  Spenger Friedhof noch auf dem Friedhof in Hunnebrock beerdigt werden durfte, wollte er den Leichnam seiner Frau in dem Waldstück, in dem auch der Mord geschehen war, bestatten. 

 

Jan Jakubczak berichtet: „Ich brachte ihn aber davon ab, weil die Erde zu hart und die Baumwurzeln hinderlich gewesen wären. Daraufhin haben wir den Leichnam in der selben Nacht am Rande einer Weide, die dem Bauern Claus gehörte, verscharrt. Am nächsten Morgen bin ich unter dem Vorwand, den Weidezaun zu reparieren, noch einmal auf diese Weide gegangen und habe alle Spuren der nächtlichen Aktion verwischt.“

Der Mord an Franziska Spiegel war nicht nur in der Familie Klaus ein Tabuthema. Auch im Dorfe wurde – soweit der junge Zwangsarbeiter das mitbekam – über den Mord in der Öffentlichkeit nicht gesprochen.

Nach Kriegsende blieb Jan Jakubczak noch einige Zeit in Werfen. Er und die polnische Zwangsarbeiterin Wiktoria vom Hof des Heinrich Büscher wurden in der Kreisstadt Herford von einem katholischen Militärgeistlichen getraut. Das junge Ehepaar und andere Zwangsarbeiter wurden dann etwas später von den Amerikanern zurück nach Stettin transportiert.

Bei seiner Rückkehr nach Polen nach mehr als fünf Jahren erfuhr Jan Jakubczak, der eine deutschstämmige Mutter mit dem Familiennamen Biedermann besaß, dass von seinem Vater das Ansinnen der deutschen Besatzungsmacht auf Eintragung der Familie in die deutsche Volkstumsliste abgelehnt worden war, weil er – wohl zu Recht – befürchtet hatte, dass sein Sohn nach der Eindeutschung dann sofort zur Wehrmacht eingezogen worden wäre.

Jan Jakubczak betont mehrere Male, dass er von der Familie Klaus sehr gut behandelt worden sei. Die Familie habe ihm sogar Zigarren zugesteckt und man habe z.B. auch die Weihnachtsfeste gemeinsam gefeiert. Er sei dabei auch immer mit Geschenken bedacht worden. Jan Jakubczak erinnert sich auch noch daran, dass er einmal eine Zirkusvorstellung besuchen durfte, als ein Zirkus in Werfen gastierte.

Obwohl ihn seine Erlebnisse in der Gemeinde Werfen nie losgelassen haben, konnte sich Jan Jakubczak zu diesen Geschehnissen erst öffentlich äußern, nachdem seine Frau Wiktoria gestorben war: „Sie hatte den Mord an Franziska Spiegel ebenfalls miterlebt und hielt es für ratsam, darüber nicht mehr zu reden.“ 

 

Jan Jakubczak nahm deshalb erst nach dem Tode seiner Frau Kontakt zur Stadt Bünde auf: „Im Alter hat mich der Mord an Franziska Spiegel immer mehr beschäftigt. Ich habe dann gedacht: 'Wenn der liebe Gott es mir ermöglicht, muss ich davon erzählen.'“

Am 04.11.1991 hat die Stadt Spenge im Rahmen einer Gedenkfeier der ermordeten Franziska Spiegel gedacht.

 

Ihr früherer Ehemann, Herr Gottfried Spiegel, ist anlässlich dieser Gedenkfeier zum ersten Mal seit der Ermordung seiner Frau wieder in Spenge gewesen. Ebenfalls anwesend war seine jetzige zweite Frau Margarete (Gretel) Spiegel.

 

 

- Herr Gottfried Spiegel ist 1993 im Alter von 87 Jahren verstorben.
- Frau Margarete Spiegel ist 2000 im Alter von 80 Jahren verstorben.

 

Frau Margarete (Gretel) Spiegel hat sich in einem sehr persönlichen Schreiben für die sensible Aufarbeitung und Würdigung des Schicksals von Franziska Spiegel bedankt.

 

Nachstehend der Originalwortlaut des Briefes vom 29.08.1994 an den damaligen Stadtdirektor der Stadt Spenge, Günter Hemminghaus:

 

Sehr geehrter, lieber Herr Hemminghaus,

Sie wissen, dass ich umgezogen bin. In der neuen Wohnung fühle ich mich sehr wohl, ich vermisse aber sehr meinen Mann, der mir stets ein sehr zuverlässiger Partner gewesen ist. 

 

Ihnen und Ihrer Frau möchte ich noch einmal für die mitfühlenden Worte, die Sie mir anläßlich seines Todes gesagt haben, danken. Die Freundschaft mit Ihnen, Herr Hemminghaus, der Sie den Anstoß für die Erinnerung an Franziska Spiegel gegeben hatten, hat meinem Mann viel bedeutet.

 

Auch ich möchte Ihnen und Ihrem Kulturausschuß herzlich für die sensible Aufarbeitung des Schicksals von Franziska Spiegel danken. 

 

Die Feierstunde in der Aula Ihrer Schule am 04.11.1991 und die Kranzniederlegung am Ehrenstein von Franziska Spiegel haben meinen Mann und mich, ebenso wie seine Kinder, sehr beeindruckt. Die Stadt Spenge hat sich damit selbst ein Denkmal gesetzt.

 

Bleibt zu hoffen, dass, wie Sie in Ihrer Ansprache  gesagt haben, “das Geschehene nicht der Vergangenheit anheimfällt” und ein Bogen geschlagen wurde “in unsere Gegenwart zu Erscheinungen  wie Neonazismus, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit."

 

Wir alle sind verpflichtet, dabei zu helfen, dass sich das, was Franziska Spiegel angetan worden ist, nicht noch einmal wiederholt.

 

Bitte, richten Sie allen Menschen, die mit dabei geholfen haben, den Erinnerungen an Franziska Spiegel eine Zukunft zu geben, meine Grüße aus.

Ihre Gretel Spiegel

                           © Smithfield Memorial Park, Adelaide, Australien                                           © Faithe Jones

 

Grabplatte von Rolf Gottfried Spiegel  /  Lage: Rasenstück, Reihe S, Standort 27

© Faithe Jones                                                                                                        © Deb Jackson

Carmelita Spiegel (zweite Ehefrau von Rolf Spiegel) ist am 13.06.2009 in Adelaide, Australien, gestorben und hier beigesetzt worden. Lage: Rasenstück, Reihe P, Standort 20

Stolpersteine

 

“Ein Kunstprojekt für Europa” heißt ein Projekt des Künstlers Gunter Demnich, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

 

Diese quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer in das Pflaster bzw. den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. Mittlerweile gibt es über 56.000 Steine (Stand: Dezember 2015) nicht nur in Deutschland, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern.


Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Der Künstler Gunter Demnich beim Verlegen der Stolpersteine für Franziska, Gottfried und Rolf Spiegel auf dem Gehweg vor dem ehemaligen Wohnhaus
in der Lenastr. in Werfen.

Foto: Günter Ellenberg

Stolpersteine für Franziska, Gottfried und Rolf Spiegel auf dem Gehweg
vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Lenastr. in Werfen.

Die Stolpersteine liegen am Eingang der Reithalle.
Foto: Günter Ellenberg

Frau Christa Gläsker ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen im Zusammenhang mit der Familie Spiegel. Christa Gläsker wohnte damals wie heute auf dem gleichen Grundstück wie die Eheleute Spiegel. Sie waren Nachbarn. Frau Gläsker hat die Familie gekannt und Kontakt zu den Spiegels gehabt.

Sie hat auch den Sohn Peter Spiegel im Jahre 2018 persönlich kennengelernt.
Foto: Günter Ellenberg

Jedes Jahr am Volkstrauertag (19. November) wird am Gedenkstein von Franziska Spiegel eine Andacht gehalten. Die Stadtverwaltung Spenge legt jeweils einen Kranz vor den Gedenkstein.
Foto: Günter Ellenberg

Bei den “Stolpersteinen” für Franziska, Gottfried und Rolf Spiegel auf dem Gehweg vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Lenastr. in Werfen hat Herr Dr. Sarhage als Einleitung die Geschichte, den Hintergrund und das Schicksal der Familie Spiegel dargestellt.  

 

Auf dem “letzten Weg” der Franziska Spiegel von ihrem  Wohnhaus bis zur Stelle ihrer Ermordung. Ein Blick zurückoben rechts: im Hintergrund in den Bäumen stand das Haus der Fam. Spiegel. 

 

Unter diesen Bäumen wurde Franziska Spiegel in einer “Nacht und Nebel Aktion” heimlich von ihrem Ehemann Gottfried und einem Helfer verscharrt. 

 

Am Gedenkstein von Franziska Spiegel (in diesem Bereich hat auch der Mord stattgefunden) endete die Veranstaltung.
 

Fotos: Günter Ellenberg

Der letzte Weg von Franziska Spiegel. Vom Wohnhaus zum Tatort

Herrn Dr. Norbert Sahrhage (der sich u.a. als Historiker seit dem Jahre 1988 immer mal wieder mit dem Schicksal von Franziska Spiegel beschäftigt) danke ich für seine Hinweise und die Überlassung seiner Informationen, die mein Hintergrundwissen um Franziska Spiegel und die damit zusammenhängenden zeitlichen Ereignisse enorm erweitert haben.

Foto: M. Patock

 

 

In Gedenken an Franziska Spiegel

 

Gesamtschule übernimmt Patenschaft

 

Spenge (mac). Die Regenbogen-Gesamtschule wird vom kommenden Schuljahr an die Patenschaft für die Franziska-Spiegel-Gedenkstätte im Hücker Holz übernehmen. Das kündigte Schulleiter Hartmut Duffert jetzt im Kulturausschuss an. „Wir möchten gegen das Vergessen anarbeiten.“

Die Jüdin Franziska Spiegel, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem Kotten in Bünde-Werfen lebte, ist im November 1944 von SS-Schergen verhaftet, ins Hücker Holz nach Spenge getrieben und erschossen worden. Seit Anfang der 1990er Jahre erinnert dort ein Gedenkstein an ihr grausames Schicksal.
 

Im Fach Gesellschaftslehre – in der Unterrichtseinheit Nationalsozialismus – würden die Jahrgänge 9 und 10 künftig auch über Franziska Spiegel sprechen, sagte Duffert. „Das wird Bestandteil des Schulprogramms sein.“

Außerdem werde es einmal jährlich eine Veranstaltung an der Gedenkstätte im Hücker Holz geben. Wie eine solche Veranstaltung aussehen könnte, mag die Schulleitung nicht vorgeben. „Das möchten wir bewusst in Händen der entsprechenden Projektgruppen belassen.“

Die Patenschaft der Gesamtschule sei ein „wichtiger Schritt“, damit das Schicksal der Franziska Spiegel nicht in Vergessenheit gerate, sagte Lars Hartwig (CDU).

Auch Annegret Beckmann von der SPD dankte der Gesamtschule für ihr Engagement. „In einigen Städten beobachten wir ein Wiedererstarken rechter Tendenzen“, sagte sie. „Wir müssen darum wach bleiben.“

Und es sei wichtig, schon die junge Generation darüber aufzuklären, wie grausam die Herrschaft der Nationalsozialisten gewesen sei.

 

© Westfalen-Blatt

Januar 2017. Der Enkelsohn von Franziska Spiegel (Peter Spiegel 21.07.2024 ) lebt in Australien und hat sich bei seinem Besuch in Deutschland verschiedene Orte des Gedenkens angesehen.
Foto: Günter Ellenberg

               Erika Spiegel geb. Eggersmeyer (jung und älter)                                              Rolf Gottfried Spiegel (jung und älter) 

Rolf Gottfried Spiegel wanderte 1958 nach Australien aus, nachdem er zuvor einige Zeit in Afrika gearbeitet hatte. In Deutschland, dem Land, in dem die Mörder seiner Mutter unbehelligt geblieben waren, mochte er nicht mehr leben. Nach seinem Tod im Jahre 2001 fand er auf dem Friedhof “Smithfield Memorial Park” in Adelaide, Australien, seine letzte Ruhestätte.

Er hinterlässt zwei Söhne (Peter (21.07.2024) und Ralph-Donald), die in Australien leben. Peter ist unerwartet am 21.07.2024 an einem schweren Herzinfarkt gestorben.

Erika Spiegel (geborene Eggersmeyer, gebürtig aus Löhne/Westf.), die 1. Ehefrau von Rolf Gottfried Spiegel, lebt nach wie vor in Australien (Stand: 12/2025). 

Gottfried Spiegel (jung) und nach der 2. Heirat 1950 (mit Margarete Stock, Siegen)  und seinen Söhnen Axel und Detlev.

Die Söhne von Rolf Gottfried Spiegel:

Peter Spiegel (21.07.2024) mit Ehefrau Fay, rechts Ralph-Donald Spiegel.

Alle Fotos: Archiv Günter Ellenberg

Franziska Spiegel
Die Geschichte einer ermordetenJüdin

Franziska Spiegel wurde am 06.05.1905 in Werl (im Sauerland) geboren. Am 04.11.1944 wurde sie in Hücker-Aschen (Stadt Spenge) von SS-Männern durch einen Schuß in den Hals brutal ermordet.

Auch in dieser friedlichen, idyllischen Landschaft finden sich Spuren grausamer Geschichte. Der Mord an der jüdischen Franziska Spiegel in Hücker-Aschen (Stadt Spenge) ist eines der schrecklichsten Ereignisse in unserer Region während der Zeit des Dritten Reiches.

© 2014-2026 Günter Ellenberg.  Alle Rechte vorbehalten.

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